WAGNER:WERK – MUSEUM POSTSPARKASSE
Georg Coch-Platz 2, 1018 Wien

Deutsch

|

English

Hagenauer

Wiener Moderne und Neue Sachlichkeit.

Kurzinfo

17. Mai bis 30. Juli 2011

Kuratorin der Ausstellung
Olga Kronsteiner (Kunsthistorikerin und Journalistin)

Eintritt frei

Katalog

Hagenauer. Wiener Moderne und Neue Sachlichkeit

Hrsg. Monika Wenzl-Bachmayer
Text Olga Kronsteiner

Deutsch/Englisch
ca. 136 Seiten, ca. 240 Abbildungen
ISBN 978-3-200022614

Preis € 35,00

Cover Ausstellungskatalog

Erhältlich im Museumsshop WAGNER:WERK Museum Postsparkasse

Katalog bestellen

Franz Hagenauer (1906-1986), Doppelkopf

Franz Hagenauer (1906-1986), Doppelkopf

Franz Hagenauer (1906-1986), Handstand-Figur (70er Jahre)

Franz Hagenauer (1906-1986), Handstand-Figur (70er Jahre)

Werkstätten Hagenauer (1898-1986), Schreitende mit Panther (Privatsammlung)

Werkstätten Hagenauer (1898-1986), Schreitende mit Panther (Privatsammlung)

Karl Hagenauer (1898-1956), Hanukkahleuchter

Karl Hagenauer (1898-1956), Hanukkahleuchter

Karl Hagenauer (1898-1956), Kamintür mit Jagdmotiven und Datierung „1929“ (rechts oben)

Karl Hagenauer (1898-1956), Kamintür mit Jagdmotiven und Datierung „1929“ (rechts oben)

Werkstätten Hagenauer (1898-1986), Kerzenleuchter mit stilisierten Tieren

Werkstätten Hagenauer (1898-1986), Kerzenleuchter mit stilisierten Tieren

Karl Hagenauer (1898-1956), Silberdose um 1920 entworfen und ausgeführt.

Karl Hagenauer (1898-1956), Silberdose um 1920 entworfen und ausgeführt.

Werkstätten Hagenauer (1898-1986), Kühlerfigur

Werkstätten Hagenauer (1898-1986), Kühlerfigur

Karl Hagenauer (1898-1956), Gefeierter Showstar der 1920er Jahre – Josephine Baker

Karl Hagenauer (1898-1956), Gefeierter Showstar der 1920er Jahre – Josephine Baker

Franz Hagenauer (1906-1986), Frauenkopf mit stilisierten Haaren

Franz Hagenauer (1906-1986), Frauenkopf mit stilisierten Haaren

Zu sehen sind rund 200 Exponate aus mehreren Privatsammlungen, anhand derer die Vielfalt der in den Werkstätten Hagenauer (1898–1987) vorwiegend in Metall, aber auch aus Holz ausgeführten Gegenstände nachvollziehbar und erstmals seit 40 Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Der Schwerpunkt der Präsentation liegt einerseits auf Kunstgewerblichem und Designobjekten, deren Entwürfe bis in die 1920er Jahre zurückreichen, und andererseits auf den bildhauerischen Arbeiten Franz Hagenauers bis in die 1980er Jahre. Es ist eine längst überfällige Ausstellung, die die anhaltende Wertschätzung des internationalen Kunstmarkts für die in den Werkstätten Hagenauer ausgeführten Objekte illustriert.

Die erste und bislang einzige museale Präsentation fand 1971 im MAK Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Wien statt und zeigte den damals noch in der Familie bzw. im Unternehmen Hagenauer vorhandenen Bestand. Im Anschluss an die Schließung des Betriebes wurden diese kunsthandwerklichen Dokumente in alle Winde verstreut. Selbst Museen im In- und Ausland verfügen nur vereinzelt über Objekte der Werkstätten Hagenauer in ihrem Sammlungsbestand (u.a. MAK Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Wien;  Belvedere, Wien; Leopold Museum, Wien; Wien Museum; The Jewish Museum und MoMA Museum of Modern Art, New York; MFAH The Museum of Fine Arts, Houston). Der überwiegende Teil der vielseitigen und stilistisch so innovativen Beispiele österreichischer Designgeschichte haben sich in Privatsammlungen erhalten – in weitgehend anonymen, aber auch in solchen von Andy Warhol oder Barbara Streisand.

Erste umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Werkstätten Hagenauer

Auf dem internationalen Kunstmarkt erfreuen sich diese Objekte ungeachtet der bislang fehlenden wissenschaftlichen Aufarbeitung seit Jahrzehnten anhaltender Beliebtheit. Der anlässlich der Ausstellung erscheinende Katalog ist sowohl begleitend als auch ergänzend konzipiert und erfüllt damit zugleich den seitens der weltweit verstreuten Sammlerriege seit Jahren deponierten Bedarf an einer Publikation zum Thema.

Zu den größten Hürden zählte dabei das Fehlen eines klassischen Firmenarchivs, das über Modell- und Auftragsbücher oder andere Originaldokumente einen detaillierten chronologischen Überblick ermöglicht hätte. Anhand des Bildarchivs von Edwin Babsek, eines von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre von Hagenauer beauftragten Fotografen (Courtesy Patrick Kovacs), gelang es jetzt, Segmente der kunstgewerblichen Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg zu bearbeiten. Der sensible Bereich der Objekt-Datierungen hält hier selbst für Hagenauer-Kenner Überraschungen bereit. In Kombination mit weiterführenden Recherchen und auch in Zusammenarbeit mit den Leihgebern konnte die Geschichte der Werkstätte(n) Hagenauer nun im Wesentlichen rekonstruiert werden.

Carl Hagenauer (1872-1928): Gründung der Werkstätte Hagenauer

Sie beginnt mit der Gründung durch Carl Hagenauer 1898 – am Höhepunkt der kunstgewerblichen Metallverarbeitung, als sich allein im Raum Wien mehr als 230 Fabriken und Werkstätten mit einer Jahresproduktion im Wert von 1,5 Millionen Gulden (Gegenwert mehr als 17 Millionen Euro) angesiedelt hatten.

Zunächst erzeugt Carl Hagenauer (1872-1928) nach eigenen und fremden Entwürfen jene klassischen Wiener Bronzewaren, die sich an den Vorbildern der Antike oder Alter Meister orientierten. Zeitgleich gewannen die modernen Tendenzen des Jugendstils an Einfluss. Mit fließenden Linien und einer weichen natürlichen Formgebung übernahm der als Gold- und Silberschmied, Ziseleur und Gürtler ausgebildete Jungunternehmer die charakteristischen Elemente. Innerhalb kürzester Zeit avancierte Hagenauer zu einem vielfach ausgezeichneten und führenden Vertreter des metallverarbeitenden Kunstgewerbes der Wiener Moderne.

Mit dem ersten Weltkrieg folgte eine Zäsur, die sowohl auf die Problematik der Materialbeschaffung als auch auf die wirtschaftliche Situation der bürgerlichen Käuferschicht zurückzuführen war. Neben Einzelanfertigungen gewannen industriell hergestellte Produkte massiv an Bedeutung. Hagenauer bediente beide Segmente: Mit aus Metall getriebenen Schalen, Vasen, Dosen und Figuren einerseits sowie gegossenen und anschließend in Handarbeit endgefertigten Zier- und Gebrauchsgegenständen andererseits.

Karl Hagenauer (1898-1956): Stilistische Wende hin zur neuen Sachlichkeit

Mit der nächsten Generation erfolgte etwa zeitgleich auch jene stilistische Wende, mit der Hagenauers zu Weltruhm gelangen sollten. Bereits während seines Studiums der Architektur an der Kunstgewerbeschule (heute: Universität für Angewandte Kunst Wien) war Karl Hagenauer (1898-1956) sowohl im Familienbetrieb als auch für seinen Lehrmeister Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte tätig. Üppig verzierte Vasen oder reliefierte Schalen wichen schnell Objekten, die von klaren geometrischen Konturen dominiert wurden. Auf funktionsloses Ornament wurde verzichtet– die zweite Generation des Unternehmens Hagenauer begann sich zunehmend auf die reine Form zu konzentrieren. Mit intellektueller Kühle, sachlich am Funktionalismus orientiert und allenfalls von verspielter Eleganz akzentuiert, nahmen Karl und sein jüngerer Bruder Franz mit deutlichem Zeitvorsprung jene stilistische Entwicklung vorweg, die später unter dem Begriff Nordisches Design geläufig werden sollte.

Franz Hagenauer (1906–1986): Bildhauer jenseits kleinbürgerlicher Folklore

Auch Franz Hagenauer (1906-1986) war Absolvent der Kunstgewerbeschule, bei Anton Hanak in der Fachklasse Bildhauerei und bei Josef Hoffmann in der Fachklasse für Metallarbeiten. Seine künstlerische Erfüllung fand er bis zu seinem Tod weniger im Entwurf von Gebrauchsgegenständen als in seiner bildhauerischen Tätigkeit. Um es mit Fritz Wotruba zu resümieren, gelang es Franz Hagenauer, „die kleinbürgerliche österreichische Folklore abzuschütteln und sich aus dem Stilpanzer seines Handwerks zu befreien“. Erst wenn man seine Torsi und monumentalen Köpfe „neben das formlose, weiche Gekröse seiner österreichischen Zeitgenossen stellt“, formulierte Wotruba 1974, „ermisst man den Abstand, der gefühlsduselige Kneterei und geistige Vorstellung voneinander trennt“.

Der wirtschaftliche Erfolg der Werkstätte Hagenauer, die bereits in den 20er Jahren weit über die Grenzen Europas hinaus bis in die USA exportierten, war durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen worden. Die Aufrechterhaltung des Betriebes gelang dennoch, wenn auch mit einem anderen Sortiment und alternativen Materialien.

In der Nachkriegszeit wird die Produktpalette um humorvolle Tierfiguren und formschöne Gebrauchsgegenstände aus Holz erweitert, die ab 1945 in einer Drechslerwerkstätte in Fuschl am See (Salzburg) hergestellt werden: Aus der Werkstätte werden die „Werkstätten Hagenauer“. Parallel dazu beginnt eine Zusammenarbeit mit namhaften Architekten wie Oswald Haerdtl (1899-1959), Karl Schwanzer (1918-1975) oder Carl Appel (1911-1997).
Nach dem Tod Karl Hagenauers 1956 übernahm Franz Hagenauer die Leitung des Betriebes. Die in der Wiener Bernardgasse hergestellten kunstgewerblichen Gegenstände fanden Anerkennung im In- und vor allem im Ausland, wo sie etwa bei den Triennale-Events in Mailand mehrfach ausgezeichnet wurden. Neben neuen Designs wurden auch die verstärkt nachgefragten Modelle der 1920er Jahre, in teils abgewandelter Form, wieder produziert. Mit dem Tod Franz Hagenauers im September 1986 – der Betrieb wurde noch ein weiteres Jahr fortgeführt – ging schließlich eines der erfolgreichsten Kapitel der metallverarbeitenden Industrie Österreichs zu Ende.