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Die Wiener Ringstraße und das Stubenviertel
Bis in die Mitte des 19.
Jahrhunderts blieb die Innere Stadt
Wien Festung. Und dies, obwohl sich
die Stadtmauern schon 1809 als
militärisch gänzlich
nutzlos herausstellten und die
Festungsanlagen den immer
stärker den wachsenden Verkehr
zwischen der Inneren Stadt und den
Vorstädten behinderten.
Mit der 1857 von Kaiser Franz Joseph
angeordneten Anlage der Wiener
Ringstraße war endlich die
Möglichkeit gegeben, Wien von
einer städtebaulich
mittelalterlichen zu einer modernen
Großstadt umzugestalten.
Repräsentative Kultur- und
Verwaltungsbauten und prachtvolle
Wohnpalais für das
Großbürgertum begannen
das Antlitz der ab 1860 angelegten
Prachtstraße der Hauptstadt
der Monarchie zu prägen.
1892/93 beteiligt sich Otto Wagner
an der Konkurrenz für einen
Generalregulierungsplan für
Wien und an der gleichzeitig
laufenden Konkurrenz für die
Regulierung des Stubenringviertels.
Seine Vorschläge bilden die
Grundlage für die
städtebauliche Ausgestaltung
des Gebietes rund um die
Postsparkasse. Der von Wagner in
Vorschlag gebrachte Bauplatz
für ein „k.k.
Reichs-Post-Amt“ entspricht
in Situierung und Konfiguration
genau jenem der später von ihm
errichteten Postsparkasse.
Das Wettbewerbsverfahren zum Bau der Postsparkasse
Der Wettbewerb für das k.k.
Postsparkassen-Amtsgebäude
wurde im Februar 1903 als offenes,
nicht anonymes Verfahren ausgelobt.
Drei Jurysitzungen (7. Mai, 6. Juni,
10. Juni 1903) waren erforderlich,
bis aus den eingereichten 37
Projekten Otto Wagners Entwurf als
Siegerentwurf feststand.
Wagners
Projekt wurde laut Protokoll heftig
und eingehend von der Jury
diskutiert. Entgegen der
Ausschreibung hat er Kassensaal und
Schecksaal in einem Raum
zusammengefaßt, was einige
Architekten unter den Jurymitglieder
als Ausschließungsgrund
geltend machen wollten, aber von den
Vertretern der Postsparkasse als
funktionale Verbesserung erkannt
wurde. Insgesamt ist an diesem
Wettbewerbsverfahren bemerkenswert,
daß sich die Jury drei
auseinander liegende Tage Zeit
für die Beurteilung nahm,
daß die Mitglieder der Jury in
den Zeiten zwischen den Sitzungen
die Projekte individuell
begutachteten, und daß am
Vorrang der funktionalen und
konstruktiven Kriterien
gegenüber stilistischen
Wertungen der Vormarsch der Moderne
erkennbar wird.
Die Wettbewerbsentwürfe zur
Postsparkasse zeigen deutlich den
Konflikt der Zeit um 1900, den neuen
funktionalen Notwendigkeiten im
Kleid der stilistischen Varianten
des Historismus zu genügen.
Ausgewählte Beispiele belegen
dies: Der Entwurf von Theodor Bach
versucht formal das Repertoire der
Renaissance auf die Erscheinung der
neuen Bauaufgabe anzuwenden.
Der
Entwurf von Professor Max Freiherr
von Ferstel, Sohn des Architekten
Heinrich von Ferstel (Erbauer der
Votivkirche, der Universität
Wien und des Museums für Kunst
und Industrie) entspricht einem
reich gegliederten Mansarden-Palast
in Quasi-Renaissance.
Das Projekt
von Franz Freiherr von Krauss
und Josef Tölk ist mit seinen
Anklängen an das
„Früh-Empire“ und
seinen modernistischen Haltungen
stilistisch am ehesten in der
Nähe von Otto Wagner zu sehen.
Otto Wagners Wettbewerbsentwurf
Das Wettbewerbsprojekt von Otto
Wagner war ohne Zweifel unter allen
am Wettbewerb beteiligten Projekten
am genauesten durchgearbeitet. Er
war der einzige unter allen
Teilnehmern, der die Vision der
neuen Postsparkasse mit der Vision
einer neuen, zeitgemäßen
Architektur verbinden konnte. Es ist
äußerst selten in der
Geschichte der Architektur,
daß eine visionäre
Aufgabe mit einer visionären
Architektur zusammentreffen darf,
daß Bauherr und Architekt
inhaltlich dieselben Ziele
verfolgen.
Im Wettbewerbsentwurf hatte Wagner
noch ein großes Glasdach
über dem Mittelbau geplant,
realisiert wurde dann das
zweischalige Glasdach direkt
über dem Kassensaal.
Deshalb
wurde auch die Eingangsfront des
Mittelbaus verändert, die
ursprünglich geplante
Bekrönung zurückgenommen
und durch die 4,5 Meter hohen
Akroterien aus Aluminium - die
geflügelten Frauengestalten
wurden vom Bildhauer Othmar
Schimkowitz entworfen - betont. Dazu
kamen noch einige kleinere
Optimierungen der inneren
Raumfluchten und Stiegen, ansonsten
wurde der Wettbewerbsentwurf in
seinen wesentlichen Konzepten auch
realisiert.
Das Gebäude hat acht
Geschoße, ist ein Ziegelbau
mit Stahlbetondecken. Die
Trennwände sind
veränderbar und nicht tragend.
Für alle Bauteile erklärt
Wagner deren Funktionalität und
Nachhaltigkeit. Alles war
kostengünstig, dauerhaft und
wartungsfreundlich, alles sollte die
Funktionalität befördern
und unterstützen und den
MitarbeiterInnen eine freundliche
und hygienische Arbeitswelt bieten.
Nur vier Jahre nach der
Eröffnung der Postsparkasse
wurde von Otto Wagner die zweite
Stufe des Baus der Postsparkasse
realisiert. Sie war als Vollendung
der Baufigur schon in seinem
städtebaulichen Plan für
die Neuordnung des Stubenviertels
vorgesehen, aber weder im Wettbewerb
noch in den Beschreibungen der
Realisierung der ersten Stufe des
Baus erwähnt.
Wagner
veränderte sein Grundkonzept
nicht, sondern setzte es logisch
fort und bewies damit die
Tragfähigkeit seiner baulichen,
konstruktiven und organisatorischen
Strategie. Zur optischen Trennung
der beiden zusammengefügten
Baukörper setzte er eine klare
vertikale Fuge in der Fassade,
vereinfachte nochmals radikal deren
Struktur und begradigte den
Querschnitt der Sockelquader.
So ist der Zubau architektonisch
klar ablesbar, ohne einen Bruch der
Gesamtgestalt zu bilden. Wagner
„erklärt“ damit
unmißverständlich,
daß sich die Architektur
technisch und formal
weiterentwickeln kann und muß,
und dennoch Rücksicht nehmen
muß auf das Bestehende. So
erscheint heute dem Besucher die
erste und zweite Baustufe der
Postsparkasse als ein harmonisches
Ganzes, und nur dem genauen
Beobachter offenbart sich deren
Unterschied.
So revolutionär für seine
Zeit Otto Wagners Position und
Vision auch gewesen ist, so
evolutionär führt er den
Benutzer der Stadt mit dem Beispiel
der zweiten Baustufe der
Postsparkasse in die künftigen
Zeiten der Architektur. Man kann
deshalb die zweite Stufe der
Postsparkasse, den Zubau, als bis
heute gültige Botschaft einer
sorgsamen und sorgfältigen
Möglichkeit der
Weiterentwicklung bestehender
Architektur lesen.
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