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In den 1920er Jahren verwirklichte die sozialdemokratische Stadtregierung des „Roten Wien“ ein ungeheures Bauvolumen
von über 65.000 Wohnungen und Siedlungsgruppen. Noch beachtlicher als die Quantität war die Qualität dieser neuen Sozialwohnungen,
die nicht nur Wohnen erschwinglich machte, sondern auch ein breites Angebot an Infrastruktur für den täglichen Bedarf sowie kollektive
Einrichtungen und Orte der solidarisierenden Kommunikation, wie z.B. Kindergärten, Bibliotheken oder Theater, vorsahen.
Den Absolventen der Architekturschule Otto Wagners an der Akademie der bildenden Künste in Wien kommt innerhalb des Wohnbauprogramms
der Gemeinde Wien eine besondere Bedeutung zu. Ihnen wurden die größten und prestigeträchtigsten Gemeindebauten zur Realisierung
überantwortet, und ihre architektonischen Lösungen sind diejenigen, die bis heute die Vorstellung vom Wiener Gemeindebau der zwanziger
Jahre des 20. Jahrhunderts prägen.
DIE WAGNER-SCHÜLER IM ROTEN WIEN UND IHRE BAUTEN
Hermann Aichinger (Fuchsfeldhof Wien 12, Mateottihof Wien 5, Rabenhof Wien 3 u.a.);
Leopold Bauer
(Vogelweidhof Wien 15);
Alfred Chalusch (Gallhof Wien 9, Beteiligung Goethehof Wien 22);
Camillo Fritz Discher (Pernerstorfer-Hof Wien 10, Wohnhausanlage am Wienerberg zusammen mit Gütl,
Frass, Dorfmeister, Perco);
Karl Franz Dorfmeister (Professor Jodl-Hof, Döblinger Gürtel, mit Frass);
Karl Ehn (Bebel-Hof Wien 12, Karl Marx-Hof, Wien 19);
Rudolf Frass (Am Wienerberg);
Rudolf Goebel (Rebec-Hof Wien 19);
Paul Gütl (Pernerstorfer Hof, Wien 19, und Anton Kohl-Hof, Wien 3 zusammen mit Discher);
Alfons Hetmanek (Friedrich Engels-Hof, Wien 11, mit Kaym und Gorge);
Emil Hoppe (Sandleiten-Hof, Wien 16, mit anderen; Strindberg-Hof Wien 11);
Franz Kaym (Friedrich Engels-Hof mit Hetmanek); Ernst Lichtblau (Leitung der Einrichtungsberatungsstelle BEST im Karl Marx-Hof;
Doppelhaus Werkbundsiedlung);
Engelbert Mang (Viktor Adler-Hof Wien 10, Widholz-Hof Wien 11);
Franz Matuschek (Beteiligung Sandleitenhof);
Konstantin Peller (Rosa Toepler-Hof Wien 18 sowie diverse Wohnhäuser der Gemeinde Wien);
Rudolf Perco (Professor Jodl-Hof Wien 19,
Beteiligung Am Wienerberg);
Rudolf Perthen (Marianne Hainisch-Hof Wien 3);
Heinrich Schmid (Speisingerhof Wien 13, Reismannhof Wien 12, Fuchsenfeldhof Wien 12);
Otto Schönthal (Beteiligung Sandleitenhof Wien 13, Reismann-Hof Wien 12);
Heinrich Schopper (Gall-Hof Wien 9, Hueber-Hof Wien 10).
HUBERT GESSNER: DAS RECHT AUF SCHÖNHEIT
Besonders hervorzuheben ist das Werk Hubert GESSNERS, dem auch eine der Stationen der Ausstellung gewidmet ist.
Seinen Durchbruch erzielte er mit dem Entwurf für das Arbeiterheim Favoriten (1901) und begründete damit die langjährige
Entwurfstätigkeit für die Sozialdemokratische Partei und eine persönliche Freundschaft mit Viktor Adler.
Er wurde zum wichtigsten Architekten der österreichischen Sozialdemokratie und realisierte das Verlagsgebäude
Vorwärts (1909), das Parteihaus und Verlagsgebäude Arbeiterwille (Graz 1909) sowie Bauten für den Konsumverein und die Arbeiterbank.
In den riesigen Anlagen des Volkswohnbaus übersetzte er die Entwurfsprinzipien seines Lehrers Otto Wagner in die Realität des Roten Wien.
Mit der Erweiterung des von Robert Kalesa begonnenen Metzleinstaler-Hofs (1920-23) schuf Gessner den Prototyp des neuen
Wiener Gemeindebaus.
Sein benachbarter Reumann-Hof ist das Prunkstück auf der „Ringstraße des Proletariats“, dem Margarethengürtel.
Der Lasalle-Hof (1924) gilt als herausragendes Beispiel konstruktivistisch geprägter Architektur.
Als sein wichtigster Wohnbau und die Verkörperung des Volkswohnbaus schlechthin gilt die sogenannte Gartenstadt Jedlesee
(heute: Karl Seitz-Hof) in Florisdorf.
DAS ROTE WIEN
Um die Jahrhundertwende verfügten 95% aller Wohnungen (!) weder über WC noch Wasseranschluß und bestanden lediglich aus Gangküche
und einem Zimmer. Die Sozialdemokraten forderten in ihrem kommunalpolitischen Programm 1914 bereits den Bau von kommunalen
Mietwohnungen, die bis 1918 allerdings beinahe ausschließlich dem privaten Kapital überlassen blieben. Der Zusammenbruch der
Monarchie hatte die Wohnsituation in Wien noch weiter verschlechtert. Zehntausende arbeits- und heimatlos gewordener
(meist deutschsprachiger) ehemaliger Beamter und Mitarbeiter des Staatsapparats, außerdem Kriegsflüchtlinge – darunter viele Juden –
strömten aus dem unsicher gewordenen Osten nach Wien.
Mit der Gründung eines eigenen, von Niederösterreich abgetrennten Bundeslandes Wien am 1. Januar 1922 konnte jene Steuerhoheit
erreicht werden, die der Stadt die finanziellen Mittel für ihr kommunalpolitisches Programm zuführte. Das „Rote Wien“ war damit
möglich geworden – eine Entwicklung, die in ihrer Bedeutung weit über Österreichs Grenzen hinaus ging. Tatsächlich war Wien zu
diesem Zeitpunkt die einzige von Sozialdemokraten regierte Millionenstadt der Welt. Entsprechend groß war auf politischer und
medialer Ebene die internationale Aufmerksamkeit. Zum Kernpunkt der neuen Kommunalpolitik sollte der Wohnbau werden. Hier, im
unmittelbaren täglichen Lebensbereich, sollte der Unterschied zwischen kapitalistischem Wohnungswucher und sozialistischer
Kommunalpolitik direkt erfahrbar werden.
Wohnen war mehr als bloße Behausung: der „Gemeindebau“ verstand sich als räumlich konzentrierter Ausdruck der neuen
Gesellschaft,
der ein breites Angebot an Infrastruktur wie Bildung, Gesundheit und Kultur mit einschloß. Die Architektur wurde zum Träger dieser
sozialen Utopie. Neben den zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen und dem Hof als zentralem Kommunikationsbereich sollte insbesondere
auch die ästhetische Gestaltung und architektonische Qualität den Anspruch auf gesellschaftlichen Fortschritt dokumentieren. Die über
das gesamte Stadtgebiet verteilten Bauten wurden zum Symbol der Stärke und dokumentieren mit ihren Namensbezeichnungen (Marx-, Engels-,
Adler-, Bebel-, Liebknecht-, Matteotti-Hof etc.) das Recht auf Geschichte der Arbeiterklasse. Zum symbolträchtigsten Bau des Roten Wien
wurde der Karl Marx-Hof, der vom Otto Wagner-Schüler und Beamten des Wiener Stadtbauamtes, Karl Ehn geplant wurde.
Die erstaunlichen Errungenschaften des Roten Wien lassen oft vergessen, wie kurz die Zeitspanne für die Umsetzung seines Reformprogramms
war: rund 15 Jahre bis zur Ausschaltung der Demokratie 1934 – bzw. kaum mehr als 10 Jahre, wenn man die Auswirkungen der
Weltwirtschaftskrise auf die Bautätigkeit bedenkt. Die Gesamtbilanz der Wohnbaupolitik des Roten Wien ist dennoch beeindruckend.
Insgesamt wurden von der Gemeinde Wien innerhalb von 14 Jahren 61.175 Wohnungen in 348 Wohnhausanlagen, 42 Siedlungsgruppen mit
5.257 Siedlerhäusern und 2.155 Geschäftslokale errichtet. 1934 wohnte bereits ein Zehntel der Wiener Bevölkerung in Gemeindewohnungen.
Nach 1945 erreichte der Wiederaufbau nur in seltenen Fällen die städtebaulichen und architektonischen
Qualitäten der 20er-Jahre.
Diese sollten erst später wieder entdeckt werden, als eine neue Architektengeneration Alternativen zu einer als gesichtslos
empfundenen Moderne suchte. Sie fand sie bei den Gemeindebauten des Roten Wien und hier vor allem bei den Otto Wagner-Schülern,
die diesen großstädtischen Wohnbau geprägt hatten. Heute werden diese unter Denkmalschutz stehenden Bauten aufwendig saniert und
bilden innerhalb des kommunalen Wohnungsbestands – 220.000 Wohnungen – einen architektonischen und wohl auch kulturpolitischen Höhepunkt.
Plakat zur Ausstellung "Wagner-Schule: Rotes Wien. Architektur als soziale Utopie"
Entwurf: Ideal Communications
© WAGNER:WERK Museum
Heinrich Schmid, Hermann Achinger
Rabenhof (1925–1928), Wien 3., Baumgasse 29 - 41
Kindergarten, Lustgasse 3
Foto: Walter Zednicek
© WAGNER:WERK Museum
Hubert Gessner, Josef Bittner
Jakob Reumann-Hof (1924–1926), Wien 5., Margarethengürtel 100 - 110
Springbrunnen im Ehrenhof
Foto: Walter Zednicek
© WAGNER:WERK Museum
Karl Ehn
Karl Marx-Hof (1927–1930), Wien 19., Boschstraße 1 - 19
Ansicht vom Ehrenplatz
Foto: Walter Zednicek
© WAGNER:WERK Museum
Hubert Gessner
Karl Seitz-Hof (Gartenstadt Jedlesee, 1926–1931)
Jedleseer Straße 66 - 94
Lattenwerk mit keramikverkleideten Platten
Foto: Walter Zednicek
© WAGNER:WERK Museum
Karl Ehn
Karl Marx-Hof, Wien 19., Boschstraße 1 - 19
Eingang zum Waschsalon
Foto: Walter Zednicek
© WAGNER:WERK Museum
Karl Ehn
Karl Marx-Hof, Wien 19., Boschstraße 1 - 19
Entwurfszeichnung
© Wiener Stadt- und Landesarchiv, Fotoarchiv Gerlach
Anton Hanak, Die Früchteträgerin, 1924
Gipsmodell für die Portalfiguren am Viktor Klosehof,
Wien 19., Philippovichgasse 1
(Entwurf: Josef Hoffmann)
185 x 126cm x 79 cm
Leihgabe an den Museumsverein Langenzersdorf aus Privatbesitz
© HANAK Museum
Karl Ehn
Karl Marx-Hof, Wien 19., Boschstraße 1 - 19
Modell
© WAGNER:WERK Museum
„Aussigschmiss’n hob is’!“
Entwurf: Viktor Slama, 1927
Druck: Waldheim Eberle, Wien
188 x 185 cm
Hubert Gessner, Josef Bittner
Jakob Reumann-Hof (1924–1926), Wien 5., Margarethengürtel 100 - 110
© WAGNER:WERK Museum
Hubert Gessner, Josef Bittner
Jakob Reumann-Hof (1924–1926), Wien 5., Margarethengürtel 100 - 110
© Wiener Stadt- und Landesarchiv, Fotoarchiv Gerlach
Hubert Gessner, Josef Bittner
Jakob Reumann-Hof (1924-1926), Wien 5., Margarethengürtel 100 - 110
© Wiener Stadt- und Landesarchiv, Fotoarchiv Gerlach
Hubert Gessner
Karl Seitz-Hof (Gartenstadt Jedlesee, 1926-31)
Jedleseer Straße 66 - 94
© WAGNER:WERK Museum
Hubert Gessner
Karl Seitz-Hof (Gartenstadt Jedlesee, 1926-31)
Jedleseer Straße 66 - 94
Foto: Walter Zednicek
© WAGNER:WERK Museum
WAGNER-SCHULE: ROTES WIEN. Architektur als soziale Utopie. |
| Ort
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WAGNER:WERK Museum Postsparkasse
der BAWAG PSK
Großer Kassensaal
Georg Coch-Platz 2, 1018 Wien
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| Ausstellungsdauer
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6. Juli bis 28. August 2010
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| Öffnungszeiten
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Mo – Fr 9 – 17 Uhr, Sa 10 – 17 Uhr,
So geschlossen |
Eintritt ins WAGNER:WERK
Museum Postsparkasse
BAWAG PSK
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Euro 5,00
Euro 3,50 ermäßigt (Schüler, Studenten, Senioren
und der Gruppen)
Eintritt frei für Kunden der BAWAG P.S.K. gegen Vorweis ihrer Kundenkarte
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Besucherinformation
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www.ottowagner.com
T +43 1 534 53 DW 33825
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| Kuratoren |
Dr. Wolfgang Förster (Leitung)
Prof. Dr. Peter Haiko
Dr. Eva B. Ottillinger
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| Leitung
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Monika Wenzl-Bachmayer
WAGNER:WERK Museum Postsparkasse
der BAWAG P.S.K.
Georg-Coch-Platz 2, 1018 Wien
T +43 1 534 53 DW 33088
F +43 1 534 53 DW 33087
E: museum@ottowagner.com
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| Katalog
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„WAGNER-SCHULE: ROTES WIEN.
Architektur als soziale Utopie.“
Hrsg. Monika Wenzl-Bachmayer.
Mit Beiträgen von Wolfgang Förster, Peter Haiko und
Eva B. Ottillinger sowie Fotos von Walter Zednicek
Ca. 136 Seiten, 140 Abb., Preis € 29,00
ISBN 978-3-200-01834-1
Erhältlich im Museumsshop WAGNER:WERK
Museum Postsparkasse der BAWAG PSK und unter museum@ottowagner.com
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| WAGNER:WERK - MUSEUM POSTSPARKASSE - Georg Coch-Platz 2, 1018 Wien |
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