ÖSTERREICHISCHE POSTSPARKASSE
Georg Coch-Platz 2, 1018 Wien

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Baugeschichte

Übersichtsplan des Wiener Stadtteiles, an der Wien-Mündung, vor 1872

Übersichtsplan des Wiener Stadtteiles, an der Wien-Mündung, vor 1872

Wettbewerbsausschreibung für den Neubau 25.1.1903

Wettbewerbsausschreibung für den Neubau 25.1.1903

Bauprogramm zur Wettbewerbsausschreibung für den Neubau

Bauprogramm zur Wettbewerbsausschreibung für den Neubau

Wettbewerbsentwurf von Prof. Max Ferstel

Wettbewerbsentwurf von Prof. Max Ferstel

Wettbewerbsentwurf von Faßbender & Tremmel, Fassade zum Ring

Wettbewerbsentwurf von Faßbender & Tremmel, Fassade zum Ring

Wettbewerbsentwurf von Franz Krauß & Tölk, Fassadenansicht

Wettbewerbsentwurf von Franz Krauß & Tölk, Fassadenansicht

Wettbewerbsentwurf von Otto Wagner

Wettbewerbsentwurf von Otto Wagner

Einreichpläne, Hauptfassade

Einreichpläne, Hauptfassade

Ausführung Hauptfassade, Biberstraße 1904-1906

Ausführung Hauptfassade, Biberstraße 1904-1906

Ausführung Längsschnitt A_B

Ausführung Längsschnitt A_B

Zubau zur Postsparkasse 1910-1912, Fassade Dominikanerbastei

Zubau zur Postsparkasse 1910-1912, Fassade Dominikanerbastei

Zubau zur Postsparkasse, Schnitt A_B, 1910-1912

Zubau zur Postsparkasse, Schnitt A_B, 1910-1912

Die Wiener Ringstraße und das Stubenviertel

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts blieb die Innere Stadt Wien Festung. Und dies, obwohl sich die Stadtmauern schon 1809 als militärisch gänzlich nutzlos herausstellten und die Festungsanlagen den immer stärker den wachsenden Verkehr zwischen der Inneren Stadt und den Vorstädten behinderten.

Mit der 1857 von Kaiser Franz Joseph angeordneten Anlage der Wiener Ringstraße war endlich die Möglichkeit gegeben, Wien von einer städtebaulich mittelalterlichen zu einer modernen Großstadt umzugestalten. Repräsentative Kultur- und Verwaltungsbauten und prachtvolle Wohnpalais für das Großbürgertum begannen das Antlitz der ab 1860 angelegten Prachtstraße der Hauptstadt der Monarchie zu prägen.

1892/93 beteiligt sich Otto Wagner an der Konkurrenz für einen Generalregulierungsplan für Wien und an der gleichzeitig laufenden Konkurrenz für die Regulierung des Stubenringviertels. Seine Vorschläge bilden die Grundlage für die städtebauliche Ausgestaltung des Gebietes rund um die Postsparkasse. Der von Wagner in Vorschlag gebrachte Bauplatz für ein „k.k. Reichs-Post-Amt“ entspricht in Situierung und Konfiguration genau jenem der später von ihm errichteten Postsparkasse.

Das Wettbewerbsverfahren zum Bau der Postsparkasse

Der Wettbewerb für das k.k. Postsparkassen-Amtsgebäude wurde im Februar 1903 als offenes, nicht anonymes Verfahren ausgelobt. Drei Jurysitzungen (7. Mai, 6. Juni, 10. Juni 1903) waren erforderlich, bis aus den eingereichten 37 Projekten Otto Wagners Entwurf als Siegerentwurf feststand. Wagners Projekt wurde laut Protokoll heftig und eingehend von der Jury diskutiert. Entgegen der Ausschreibung hat er Kassensaal und Schecksaal in einem Raum zusammengefaßt, was einige Architekten unter den Jurymitglieder als Ausschließungsgrund geltend machen wollten, aber von den Vertretern der Postsparkasse als funktionale Verbesserung erkannt wurde. Insgesamt ist an diesem Wettbewerbsverfahren bemerkenswert, daß sich die Jury drei auseinander liegende Tage Zeit für die Beurteilung nahm, daß die Mitglieder der Jury in den Zeiten zwischen den Sitzungen die Projekte individuell begutachteten, und daß am Vorrang der funktionalen und konstruktiven Kriterien gegenüber stilistischen Wertungen der Vormarsch der Moderne erkennbar wird.

Die Wettbewerbsentwürfe zur Postsparkasse zeigen deutlich den Konflikt der Zeit um 1900, den neuen funktionalen Notwendigkeiten im Kleid der stilistischen Varianten des Historismus zu genügen.
Ausgewählte Beispiele belegen dies: Der Entwurf von Theodor Bach versucht formal das Repertoire der Renaissance auf die Erscheinung der neuen Bauaufgabe anzuwenden. Der Entwurf von Professor Max Freiherr von Ferstel, Sohn des Architekten Heinrich von Ferstel (Erbauer der Votivkirche, der Universität Wien und des Museums für Kunst und Industrie) entspricht einem reich gegliederten Mansarden-Palast in Quasi-Renaissance. Das Projekt von Franz Freiherr von Krauss und Josef Tölk ist mit seinen Anklängen an das „Früh-Empire“ und seinen modernistischen Haltungen stilistisch am ehesten in der Nähe von Otto Wagner zu sehen.

Otto Wagners Wettbewerbsentwurf

Das Wettbewerbsprojekt von Otto Wagner war ohne Zweifel unter allen am Wettbewerb beteiligten Projekten am genauesten durchgearbeitet. Er war der einzige unter allen Teilnehmern, der die Vision der neuen Postsparkasse mit der Vision einer neuen, zeitgemäßen Architektur verbinden konnte. Es ist äußerst selten in der Geschichte der Architektur, daß eine visionäre Aufgabe mit einer visionären Architektur zusammentreffen darf, daß Bauherr und Architekt inhaltlich dieselben Ziele verfolgen.

Im Wettbewerbsentwurf hatte Wagner noch ein großes Glasdach über dem Mittelbau geplant, realisiert wurde dann das zweischalige Glasdach direkt über dem Kassensaal. Deshalb wurde auch die Eingangsfront des Mittelbaus verändert, die ursprünglich geplante Bekrönung zurückgenommen und durch die 4,5 Meter hohen Akroterien aus Aluminium – die geflügelten Frauengestalten wurden vom Bildhauer Othmar Schimkowitz entworfen – betont. Dazu kamen noch einige kleinere Optimierungen der inneren Raumfluchten und Stiegen, ansonsten wurde der Wettbewerbsentwurf in seinen wesentlichen Konzepten auch realisiert.

Das Gebäude hat acht Geschoße, ist ein Ziegelbau mit Stahlbetondecken. Die Trennwände sind veränderbar und nicht tragend. Für alle Bauteile erklärt Wagner deren Funktionalität und Nachhaltigkeit. Alles war kostengünstig, dauerhaft und wartungsfreundlich, alles sollte die Funktionalität befördern und unterstützen und den MitarbeiterInnen eine freundliche und hygienische Arbeitswelt bieten.
Nur vier Jahre nach der Eröffnung der Postsparkasse wurde von Otto Wagner die zweite Stufe des Baus der Postsparkasse realisiert. Sie war als Vollendung der Baufigur schon in seinem städtebaulichen Plan für die Neuordnung des Stubenviertels vorgesehen, aber weder im Wettbewerb noch in den Beschreibungen der Realisierung der ersten Stufe des Baus erwähnt.
Wagner veränderte sein Grundkonzept nicht, sondern setzte es logisch fort und bewies damit die Tragfähigkeit seiner baulichen, konstruktiven und organisatorischen Strategie. Zur optischen Trennung der beiden zusammengefügten Baukörper setzte er eine klare vertikale Fuge in der Fassade, vereinfachte nochmals radikal deren Struktur und begradigte den Querschnitt der Sockelquader.

So ist der Zubau architektonisch klar ablesbar, ohne einen Bruch der Gesamtgestalt zu bilden. Wagner „erklärt“ damit unmißverständlich, daß sich die Architektur technisch und formal weiterentwickeln kann und muß, und dennoch Rücksicht nehmen muß auf das Bestehende. So erscheint heute dem Besucher die erste und zweite Baustufe der Postsparkasse als ein harmonisches Ganzes, und nur dem genauen Beobachter offenbart sich deren Unterschied.

So revolutionär für seine Zeit Otto Wagners Position und Vision auch gewesen ist, so evolutionär führt er den Benutzer der Stadt mit dem Beispiel der zweiten Baustufe der Postsparkasse in die künftigen Zeiten der Architektur. Man kann deshalb die zweite Stufe der Postsparkasse, den Zubau, als bis heute gültige Botschaft einer sorgsamen und sorgfältigen Möglichkeit der Weiterentwicklung bestehender Architektur lesen.